Am Hauptwanderweg HW 5 bei Bad Wurzach, unweit des Wachbühls, befindet sich eine Werkstatt, in der eine selten gewordene Tradition gepflegt wird: die handgeschnitzte Herstellung von Springerle-Modeln. Ich habe Leonhard Angele in seiner Werkstatt besucht und ihm beim Schnitzen über die Schulter geschaut.
Weihnachten naht, und ich verbringe noch ein paar erholsame Tage in Bad Wurzach am Hauptwanderweg HW 5. Am Donnerstag scheint die Sonne – wie gemacht für einen kleinen Wanderausflug zum Wachbühl 7. Dort befindet sich die Modelwerkstatt von Leonhard Angele. Sein Hinweisschild ist mir schon bei einer früheren Wanderung aufgefallen – nun ist endlich Zeit für einen Besuch. Die Werkstatt liegt in einer ehemaligen Scheune eines idyllisch gelegenen Bauernhofes.
Was sind Springerle-Model?
Springerle sind traditionelle Anisplätzchen aus luftigem Eierschaumteig, die vor allem in Süddeutschland, der Schweiz und in Österreich zur Weihnachtszeit gebacken werden. Ihre charakteristischen Motive – meist religiös oder weihnachtlich – entstehen mithilfe sogenannter Model: fein gearbeitete Holzbackformen, die in den ausgerollten Teig gedrückt werden.
Ein Handwerk, das früh gelernt wird
Leonhard Angele gehört zu den Wenigen, die das Kunsthandwerk des Model-Schnitzens noch beherrschen. Seit seinem achten Lebensjahr schnitzt er; gelernt hat er es von seinem Vater, der im Winter neben der Landwirtschaft Jagdtmotive auf die Rückenlehne von Holzstühlen schnitzte. Auch Leonhard wurde zunächst Landwirt und betrieb den Milchviehhof weiter, entschied sich jedoch 2005 die Modelmanufaktur zu gründen und später ganz auf die Modelstecherei umzusteigen.
Birnbaumholz und präzise Handarbeit
Gefertigt werden die Backformen aus Birnbaumholz, einem mittelfesten, kurzfaserigen Material, das sich besonders gut für präzise Schnitzarbeiten eignet. Im ersten Schritt fertigt Angele eine Zeichnung des Motiv in Originalgröße des Models an. Anschließend überträgt er die Zeichnung mit einem Blaupapier spiegelbildlich aufs Holz – ob Schlange oder ein altes Erbstück, das vervielfältigt werden soll. Dann bearbeitet er das Holz mit rasiermesserscharfen Stecheisen, sogenannten Stechbeiteln. Was leicht und geschmeidig aussieht, erfordert viel Erfahrung, Kraft und ein sicheres Gespür für das richtige Werkzeug. „Das Besondere an der Modelstecherei ist, dass alles spiegelbildlich und negativ geschnitzt wird“, erklärt er mir. Und damit das Motiv später plastisch erscheint, müssen verschiedene Ebenen in Holz gearbeitet werden.
Ich schaue mich um: Seine Werkstatt ist voller Werkzeuge in unterschiedlichsten Formen und Größen – über 700 sind es, viele haben für Angele auch eine persönliche Geschichte. Neben den Stechbeiteln, Punzen und Hämmern liegen fertige Model, Zeichnungen und Vorlagen. Ein ausgestopfter Fuchs an der Wand überwacht das Geschehen. Gemütlich ist es hier in der Schnitzstube des Herrn Angele, die an diesem Dezembernachmittag von goldenem Sonnenlicht durchflutet wird.
Tradition trifft Moderne
Während im Dachgeschoss weiterhin traditionell von Hand geschnitzt wird, hat im unteren Bereich der Werkstatt moderne Technik Einzug gehalten. Seit der Corona-Pandemie vertreibt Angele seine Model hauptsächlich über die Webseite und einen Onlineshop; ergänzt wird die Handarbeit durch eine CNC-Fräs-Maschine. Dennoch bleibt das handgeschnitzte Model das Herzstück seiner Arbeit. Mittlerweile hat Angele über 650 Model geschnitzt.
„Model-Stechen ist wie Meditation“
Angele bereut es nicht, den Hof aufgegeben zu haben: keine Kühe mehr, keine Bienen, keine Abhängigkeit vom Takt der Tiere. Die Modelstecherei ist für ihn Erfüllung und Lebenswerk.: „Ein Stück weit ist das wie Meditation: Auf wenigen Quadratzentimetern verliere ich mich, komme in eine andere Bewusstseinsebene. Das kleine Objekt habe ich immer im Blick – es übt eine besondere Faszination auf mich aus.“
Er sticht die Formen – sie bäckt die Springerle
Angeles Frau Waltraud kennt sich bestens mit dem Backen von Springerle aus und hat auch schon ein Rezeptbuch herausgegeben. aus diesem stelle ich euch das klassische Rezept vor:
Rezept: Das klassische Springerle
Zutaten
- 2 Eier, 8 – 10 Tage alt
- 250 g Puderzucker
- 1 Päckchen Bourbonvanillezucker
- 250 g Dinkeldunstmehl oder 225 g Dinkelmehl Type 630
- 1 EL Anissamen in einer Pfanne leicht geröstet und anschließend gemörsert
Zubereitung:
Die ganzen Eier gut schaumig rühren. (Das funktioniert besser, wenn die Eier etwas älter sind.) Dann den Puderzucker und den gerösteten und gemörserten Anis dazugeben und das Ganze gut durchrühren. Jetzt das Mehl auf zwei Mal dazugeben und mit dem Knethaken verrühren. Die Masse schnell auf dem Backbrett zu einem kompakten Teig zusammenkneten, in Folie packen und in einer Schüssel mit Deckel mindestens 12 Stunden im Kühlschrank ruhen lassen.
Den Teig 8 – 10 mm auswellen. Exakt gelingt das mit zwei Abstandshölzern. Die Teigoberfläche ganz dünn mit Dinkeldunst oder Stärkemehl bestreuen. Danach die gewünschten Model in den Teig drücken. Da bedarf es etwas Fingerspitzengefühl. Die Springerle ausrädeln, ausschneiden oder ausstechen und auf ein Backblech, das mit Backpapier oder Folie belegt ist, geben. Das Blech mit einem Geschirrtuch abdecken und bei Zimmertemperatur 12 – 24 Stunden trocknen lassen.
Den Backofen auf 150 °C Grad Ober-Unterhitze vorheizen. Währenddessen von den trockenen Springerle mit einem Pinsel vorsichtig das Mehl abpinseln und danach 15 – 20 Minuten backen.
Die abgekühlten Springerle in einer luftdichten Dose aufbewahren.
Ich wünsche euch gutes Gelingen und viel Genuss beim Verzehr.
Und wer auch einmal ein Model kaufen möchte, oder sich eines nach eigenen Vorstellungen schnitzen lassen möchte findet hier weitere Informationen:
Informationen und Besuch
Modelmanufaktur Angele
Am Wachbühl 7
88410 Bad Wurzach
Weitere Informationen: https://modelmanufaktur-angele.de/
Mit dem Bus zurück nach Bad Wurzach
In der Schnitzwerkstatt ist die Zeit wie im Flug vergangen, die Schatten werden länger, und ich muss mich beeilen, wenn ich noch den Bus zurück nach Wurzach nehmen will. Ich wandere über Starkenhofen nach Seibranz, dort kommt der Bus um 16.20 Uhr. Ein freundlicher Busfahrer bringt mich nach Hauerz, und empfielhlt mir, mit ihm weiter nach Leutkirch zu fahren und von dort mit einem anderen Bus zurück nach Bad Wurzach zu fahren. Das sei besser, als in der Kälte zu warten. Gesagt, getan. Also, auch der ÖPNV funktioniert in Oberschwaben – wenn man Zeit mitbringt.
Mein Fazit
Wer den den Hauptwanderweg des Schwäbischen Albvereins HW 5 von Bad Wurzach nach Leutkirch wandert, begegnet nicht nur einer reizvollen Landschaft, sondern auch einem lebendigen Zeugnis regionaler Handwerkskultur – still, präzise und von großer kultureller Bedeutung.
Zum Weiterlen – die Beschreibung der Wanderung:
HW 5 – Tag 27: Im Allgäu von Gospoldshofen nach Leutkirch