Die Straßenbahnfahrerin

Als Erstes ist mir ihr Instagram-Account aufgefallen. Als „@strassenbahnfahrerin“ postet Annette von Ulardt regelmäßig Details aus ihrem Arbeitsalltag bei den  Freiburger Verkehrsbetrieben VAG. Jetzt hatte ich Gelegenheit, ihr beim Fahren über die Schulter zu schauen. In den Pausen hat sie mir von sich erzählt und wir haben einen vergnüglichen Nachmittag miteinander verbracht.

Annette lacht gerne, doch wenn sie fährt, ist sie hochkonzentriert

Annette drückt den weißen Knopf. Die Türen schließen sich. Noch ein prüfendender Blick in den Rückspiegel, dann richtet sie die Augen nach vorne auf das Gleis, legt den Fahr- und Bremshebel um, und die Bahn setzt sich in Bewegung. Wenn sie fährt, ist sie hochkonzentriert – hellwach, jederzeit bereit zu bremsen. Konzentration pur, sogar die lustigen Ohrringe baumeln nicht mehr. Dabei ist Annette eine temperamentvolle Frau. Sie lacht gerne und ihre Augen leuchten, wenn sie vom Job berichtet. Seit dem Sommer 2018 fährt sie Straßenbahn. Davor hat sie schon viel gemacht: einen Spielzeugladen geführt,  zehn Jahre in einer Führungsposition im Versicherungs-Außendienst gearbeitet und ursprünglich mal Schreinerin gelernt.

Der Dienstplan lässt sich mit der Familie vereinbaren

Eine Ausschreibung der VAG im Internet weckt im Frühjahr 2018 ihr Interesse. Fahrerinnen gesucht. Warum nicht? Drei Monate dauerte die Ausbildung. 2019 macht sie dann noch den Busführerschein und seit August diesen Jahres fährt sie festangestellt bei der VAG. „Ich versuche immer die Dienste so zu legen, dass es für mich und meinen Mann passt. Wenn man gerne Frühdienst fährt, ist man um eins zu Hause. Dann habe ich den Nachmittag frei und kann mich um meine Teenager-Töchter kümmern.“ Doch die flexiblen Arbeitszeiten sind es nicht allein, die sie begeistern. „Das Fahren und dass man immer etwas anderes sieht, machen den Job interessant. Jeder Tag bringt Neues.“ Spannende Details hält Annette mit der Kamera fest und teilt sie als @strassenbahnfahrerin auf Instagram. Mal zeigt sie den Blick ins Grüne, mal besondere Momente, wie die Eröffnung der Rottecklinie oder einfach nur, wie es im Betriebshof oder unter den Straßenbahnsitzen aussieht.  #sovielzeitmusssein –  postet sie dazu. Doch bei aller Liebe zur Fotografie ist ihr eines sehr wichtig: „Ich fotografiere nie beim Fahren, auch wenn es so aussieht.“ Energisch schüttelt sie den Kopf: „Auf der Schiene ist 100 Prozent Aufmerksamkeit gefordert. “

Das gibt´s täglich: Dusslige Fußgänger, Autofahrer, die nicht schauen und rücksichtslose Fahrradfahrer

Manchmal denke ich, der Job heißt „Leben retten“ und nicht „Straßenbahn fahren.“

Auf meine Frage, ob sie schon einmal eine gefährliche Situation erlebt habe, antwortet sie: „Es gibt jeden Tag brenzlige Situationen. Manchmal denke ich, der Job heißt „Leben retten“ und nicht „Straßenbahn fahren.“Die meisten unterschätzen, wie lang der Bremsweg einer Straßenbahn ist, nämlich ungefähr drei Mal so lang wie der eines Autos.

Ups, ich fühle mich ertappt … wie oft bin ich „eben noch mal schnell“ vor der Bahn über die Gleise gelaufen. Annette lacht, Fußgänger, die dusslig sind und Autofahrer, die nicht schauen, gehören zu ihrem Alltag. „Und nicht zu vergessen, die vielen Radfahrer, die ohne Licht, kreuz und quer, furchtlos und unberechenbar umherradeln.“

Die 5 fährt sie am liebsten

Die Linie 5 ist Annettes Lieblingsstrecke. Ein Stück Heimat sozusagen. Sie war eine der ersten Bewohner im jungen Stadtteil Rieselfeld und hat dort 20 Jahre gewohnt. Inzwischen lebt sie in Weingarten und genießt vom 15. Stock die herrliche Aussicht auf das Rieselfeld und die Linie 5.  Wie viele Rieselfelder war auch Annette anfangs skeptisch gegenüber der neuen Streckenführung der Linie 5. Keine Anbindung an die Altstadt. Nur mit Umsteigen zum Hauptbahnhof! Ob das gut geht? Die Aufregung hat sich nach der Eröffnung der Rottecklinie im März 2019 schnell gelegt und ist in Begeisterung umgeschlagen: „Durch den neuen Rotteckring hat Freiburg etwas Großstädtisches bekommen. Geh hoch zum Colombi-Schlösschen und schau auf den Boulevard. Dann weißt du, was ich meine.“

Die Zeit vergeht wie im Flug. Wir sind jetzt ein paar Mal die Strecke zwischen Bollerstaudenstraße und Europaplatz gefahren. Ich kenne die Wendeschleife und den kleinen Aufenthaltsraum. Am Fahnenbergplatz verabschiede ich mich von Annette und laufe hoch zum Colombi-Schlösschen. Inzwischen ist es dunkel geworden.

Unten fährt die 5 vorbei, Annettes letzte Fahrt für heute. Dann folgt der Feierabend. Wie sie den verbringt? Sehr kreativ! Besuch mal ihren zweiten Instagram-Account @vonwunderfitz . Du wirst staunen. Annette von Ulardt ist eine vielseitige Frau.

Tipps zum Weiterlesen

Stadtentdeckung: Fahr mal Linie 5 in Freiburg.

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