Weissenhofsiedlung

Mit der 5 zum Bauhaus – Teil 1 Stuttgart Weissenhofsiedlung „Marokko auf dem Killesberg“

Das Bauhaus feiert 100. Geburtstag. Und obwohl die Architektur-, Kunst- und Designschule von Walter Gropius nur ein paar Jahre existierte, hat sie weltweit Spuren hinterlassen. Auch ich begebe mich auf Spurensuche und starte meine kleine Serie: „Mit der 5 zum Bauhaus.“ Die Idee dazu ist letztes Jahr in Tel Aviv gereift, wo mir an jeder Ecke Bauhaus-Architektur begegnete. Meinen ersten Blogbeitrag widme ich Stuttgart. Es folgen Tel Aviv, Erfurt, Weimar, Brünn.

Bauhaus-Spuren  – Teil 1: die Weissenhofsiedlung in Stuttgart

U5-Haltestelle
Killesberg

Von der U5-Endhaltestelle Killesberg sind es nur ein paar Schritte zur Weissenhofsiedlung. Sie entstand 1927 als Bauausstellung der Stadt Stuttgart und des Deutschen Werkbundes. Heute ist sie Pilgerstätte für Architekturstudenten und Liebhaber des schnörkellosen Bauens. Ich habe an einem herrlichen Frühlingstag an einer Führung teilgenommen und dabei sehr viel Wissenswertes erfahren. Und ich war verblüfft von der zeitlosen Modernität der Häuser. Davon möchte ich dir hier ein bisschen berichten:

Warum gibt es diese Siedlung? 

Damit wir die Hintergründe etwas besser verstehen, lädt uns als Erstes unsere Führerin, die Architektin Raquel aus Spanien, zu einer gedanklichen Zeitreise ein: Wie lebte es sich Mitte der Zwanziger Jahre in Stuttgart?  Der Erste Weltkrieg war vorbei, die Industrialisierung schritt voran und immer mehr Automobile eroberten die Straßen. Im Talkessel herrschte schon damals schlechte Luft ;-), Wohnraum war knapp und die Gesellschaft befand sich im Umbruch.

Wohnvisionen für den modernen Großstadtmenschen

Die Internationale Bauausstellung suchte Antworten auf die drängende Frage: Wie wohnen?  Ludwig Mies van der Rohe, der 1927 Vizepräsident des Deutschen Werkbunds war,  lud 17 Architekten ein, in Stuttgart ihre Visionen für den modernen Großstadtmenschen zu zeigen. Es beteiligten sich u.a. Walter Gropius, Le Corbusier, Peter Behrens, die Brüder Max und Bruno Taut. Einzige Vorgabe, die die Architekten erhielten, war das Flachdach,

Der Standort auf dem Killesberg war bewusst gewählt. Am Modell erklärt uns Raquel, wie die Siedlung aufgebaut ist: terrassenförmig in den Hang gebaut, vorne die Ein- und Zweifamilienhäuser, dahinter die größeren Wohneinheiten. Geschickt platziert, damit alle Bewohner viel Licht und Luft bekommen und den Blick auf den Stuttgarter Talkessel genießen konnten.

Beim Rundgang durch die Siedlung fällt mir auf, dass es – bei aller Vielfältigkeit – doch einige Merkmale gibt, die alle Häuser auszeichnen.

Merkmale:

  • Flachdach
  • schnörkellose kubische Baukörper,
  • Fenster als Lichtbänder
  • Dachterrassen und Balkone,
  • lowcost in der Fertigung durch Serienproduktion von Elementen, wie Fenster, Möbel etc.

Le Corbusiers Wohnmaschine

Der provokanteste Entwurf stammt von Le Corbusier. Sein Doppelhaus zählt seit 2016 zum UNESCO-Weltkulturerbe und beheimatet in der einen Hälfte das Weissenhof-Museum; die andere kannst du im originalgetreuen Zustand von 1927 besichtigen.

„Le Corbusier hat kein Haus gebaut, sondern eine Wohnmaschine“, erklärt Raquel. Vorbild war der Zug. Von der Innenausstattung und der Dachterrasse kann ich dir hier leider keine Fotos zeigen, da die Bildrechte bei der Fondation Le Corbusier in Paris liegen. Doch so viel sei verraten. Es lohnt, einen Blick in die Räume zu werfen, die Farbgestaltung ist total interessant. Die Küche hat verblüffende Ähnlichkeit mit einer Ikea-Küche von heute und – wie in einem Zugabteil – lässt sich das Wohnzimmer durch Schiebewände und Schiebebetten in mehrere Schlafzimmer umwandeln.

Klein-Arabien auf dem Killesberg

Die Werkbundausstellung wollte natürlich auch provozieren. Dementsprechend heftig fielen die Reaktionen der Besucher aus.: die einen waren begeistert, viele fühlten sich vor den Kopf gestoßen. Sahen die Häuser doch so ganz anders aus, als das, was man gewohnt war: Verzierungen, Stuck und Walmdach fehlten gänzlich. Wegen der weißen, kubischen Häuser mit Flachdächern wurde die Weissenhofsiedlung in der Nazizeit als „Araberdorf“ verspottet. Leider sind zehn Häuser im Zweiten Weltkrieg zerstört worden. Lange wurde die Siedlung in Stuttgart vernachlässigt und erst in den letzten Jahren ist sie wieder aus ihrem Dornröschenschlaf erwacht.

Zum Abschluss zeigt uns Raquel noch ein Werbeplakat von 1928. Eine junge Dame posiert in einem Mercedes-Sportwagen vor dem Le Corbusier-Haus. Das Auto sieht heute ziemlich alt aus, das Haus wirkt immer noch sehr modern. Ich bin beeindruckt von der Zeitlosigkeit der Architektur. Und auch der Blick auf den Stuttgarter Talkessel ist nach wie vor grandios.

Mein Tipp: Unbedingt mal besuchen und die Führung mitmachen, dann verstehst du die Hintergründe besser.

Praktische Infos:

Weissenhofmuseum im Haus Le Corbusier, Rathenaustraße 1, 70191 Stuttgart
www.weissenhofmuseum.de, offene Führungen Die-Sa 15 Uhr, So und feiertags 11, 15 Uhr, Eintritt: 5 Euro, Führungen klein 5 Euro, große Führung 7,50 Euro, Hinkommen: ab HbF Stuttgart mit der U5 bis Haltestelle Killesberg

 

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