Unterwegs auf dem HW 5: Hauptwegewart Gerhard Stolz schärft meinen Blick für die Wegemarkierung und Pflege

Beim Wandern auf dem Hauptwanderweg HW 5 ist mir aufgefallen, dass dieser sehr gut ausgeschildert ist. So perfekt, dass man auch ohne Wanderkarte gut zurechtkommt. Ich habe mich gefragt: Wer kümmert sich um die Wanderwege? Was sind das für Menschen? Werden sie bezahlt oder warum tun sie es? Gibt es einheitliche Regeln für die Wegekennzeichnung?
Zu meinem Glück habe ich einen kompetenten Ansprechpartner gefunden, der meine Fragen beantworten kann: Gerhard Stolz ist seit über 50 Jahren Mitglied beim Schwäbischen Albverein. Als Hauptfachwart für Wege und Karten verantwortet er die Pflege der Wanderwege im Gebiet Südwest und berät die örtlichen Wegewarte. Zusammen bin ich mit ihm und seiner Frau Doris den HW 5 von der Nebelhöhle bis zum Gießstein gewandert und er hat mir an praktischen Beispielen die Kennzeichnung der Wege erklärt.

Lest hier mein Interview:

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Herr Stolz, was macht ein Wegewart?

Der Wegewart ist für den Zustand des Wanderweges, also für die Begehbarkeit, den Bewuchs und die Markierung zuständig. Er läuft seine Wegabschnitte regelmäßig ab und überprüft, ob die Schilder stimmen, freie Sicht auf die Markierung ist und die Wege passierbar sind. Das Anbringen neuer Wegezeichen und das Freischneiden der vorhandenen Markierungen zählt zu seinen Hauptaufgaben.

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Sammeln Wegewarte auch Müll oder räumen sie Schnee und schaffen Bäume beiseite?

Die Wegewarte sind nicht die Müllsammler der Nation. Wenn mal eine Maske oder Plastiktüte am Wegesrand liegt, obliegt es dem Einzelnen, ob er das mitnimmt oder nicht, aber er muss es nicht. Bei umgefallenen Bäumen lautet meine Devise: Kann man bequem drübersteigen, dann bleibt der liegen. Bei größeren Aufgaben benachrichtigen wir das Forstamt und/oder die Kommune.

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Wie lang ist ein Abschnitt, den der Wegewart betreut?

Das ist unterschiedlich, mal sind es fünf Kilometer, mal ein ganzes Netz an Wegen und bis zu 42 Kilometer. Es gibt keine einheitliche Festlegung. Und der mit den 42 Kilometern hat nicht zwingend die meiste Arbeit. Ein geteerter Feldweg oder ein befestigter Forstweg machen weniger Arbeit als ein felsiger Pfad. Die schönsten Wanderpfade sind meist die schwierigsten Fälle.
Auf meine Frage, wie viele Wegewarte den HW 5 betreuen, lacht er. So habe er das noch nicht gesehen, aber schätzungsweise 20 bis 30 Personen.

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Bekommen Wegewarte Geld für ihre Arbeit?

Die Wegewarte des Schwäbischen Albvereins arbeiten grundsätzlich ehrenamtlich. Das heißt, sie bekommen weder einen Stundenlohn noch Kilometergeld. Sogar das Handwerkszeug wie Rebschere, Astschere und Hammer bringen sie selbst mit. Die Praxis hat gezeigt, dass jeder da so seine eigenen Vorlieben hat. Das Werkzeug gehört dem Wart, das Material (Schilder, Aufkleber, Holzleiste) stellt der Verein.

Wir wenden uns jetzt den Schildern zu. Im Bereich des Parkplatzes an der Nebelhöhle stehen einige.

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Herr Stolz, wie wird ein Wanderweg gut ausgeschildert?

Die Vorgabe lautet, dass dem Wanderer an jeder Wegkreuzung klar sein soll, wie der Wanderweg verläuft. Wir unterscheiden zwischen Wegemarken (Wegzeichen) und Wegzeigern. Die Wegzeiger enthalten die Entfernungsangaben zum Ziel, die Wegemarken geben dem Wanderer die Bestätigung, dass er auf dem richtigen Weg ist.

Wegzeiger

Grundsätzlich unterscheiden wir:
Gelbe Schilder sind für die Hauptwege und Fernwanderwege des Schwäbischen Albvereins reserviert. Grüne Schilder kennzeichnen örtliche Rundwege.

Die Wegzeiger sind wie folgt aufgebaut: Hinten im weißen Feld steht der Wegename. Dann kommen die Wanderziele mit Entfernungsangabe in aufsteigender Folge und in der Spitze findet sich das Wegezeichen, das dorthin führt und den Wanderer auf dem Weg begleitet.

Wegemarke

Die meisten Wegemarken befinden sich auf Holzleisten an Baumstämmen, manchmal werden sie auch gemalt. In Ortschaften kleben wir sie auch auf Laternenpfähle und Ähnliches.

Die Wegemarken werden „auf Sicht“ alle 250 – 300 Meter angebracht aus beiden Wanderrichtungen angebracht.

Wir überprüfen diese Regel beim Wandern entlang des Weges. Und ich bin verblüfft. Ja, das stimmt! Die Zeichen befinden sich schräg in Wanderrichtung am Baum. Früher seien diese mittig angebracht worden, erklärt mir Gerhard Stolz, doch das hat sich nun geändert. Am Baumstamm entdecke ich die Markierungen der „hochgehberge“. Das verleitet mich zur nächsten Frage:

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Betreut der Wegewart des schwäbischen Albvereins auch andere Wege mit?

Bis vor 20 Jahren hat sich außer dem Albverein niemand um die Wanderwege gekümmert. Inzwischen sind neue touristische Wege hinzugekommen. Beispielsweise die „Traufgänge“ und „hochgehberge“. Um diese kümmern sich die Wegewarte des Albvereins im Grundsatz nicht. Es kommt aber vor, dass unser Mann oder unsere Frau vor Ort im Auftrag der Kommune die touristischen Wege mitbetreut.

Wir wandern weiter und ich schärfe meinen Blick für Kreuzungen, Schilder und Bewuchs. Seine Frau Doris macht mich auf einen schönen Baumstamm aufmerksam, in dem es sich eine Pilzfamilie nett eingerichtet hat. Bei all den Aufgaben dürfe man den Blick für die Natur nicht vergessen. Das sei ihnen wichtig, auch beim Wandern. Zusammen ist sie mit ihrem Mann schon quer durch Deutschland gewandert.

Das Ehepaar ist meistens gemeinsam unterwegs. Ihre Hauptaufgabe für die kommende Monate wird die Überprüfung des Hauptwanderwegs HW 1 sein. Weil dieser 2022 neu zertifiziert werden soll, müssen alle Zeichen perfekt sitzen.

Schwäbische Sparsamkeit – ein Zeichen für zwei Wege…
Dieses Zeichen links  hat bald ausgedient. Die Zertifizierung als Qualitätswanderweg schreibt u.a. vor, dass jeder Weg ein eigenes Zeichen hat. Rechts ist es richtig.

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Sie machen die Arbeit des Wegewarts seit vielen Jahren. Was bringt Ihnen das?

Wenn wir drei bis fünf Kilometer Wegearbeit gemacht haben, sind wir am Abend zufrieden, miteinander für die Allgemeinheit etwas Sinnvolles getan zu haben. Wir kommen mit den Wanderern ins Gespräch. Es sind die menschlichen Begegnungen und die Resonanz, die einem viel zurückgeben. Wobei heute den meisten erst einmal gar nicht bewusst ist, dass der Albverein dieses Wegenetz aufgebaut hat und pflegt. Früher war das anders.

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Was hat sich an der Wegearbeit geändert?

Die Vorgaben sind gleichgeblieben, doch die Ansprüche der Nutzer haben sich geändert. Es sind neue touristische Wege hinzugekommen, die versprechen, es dem Ausflügler so angenehm wie möglich zu machen. Da müssen wir aufpassen, dass wir die Wege nicht überkennzeichnen und den Wald mit Ruhebänken zumöblieren.

Unterwegs treffen wir auf einen Mountainbike-Fahrer. Gerhard Stolz erklärt ihm, dass Mountainbiker eigentlich gar nicht auf dem HW 5 fahren dürfen. Und er zeigt mir Stellen, wo der Weg durch die Fahrradfahrer abgenutzt und ausgefahren wird. „Es kann nicht sein, dass alle die Wege nutzen, aber nur wir die Arbeit machen.“ Am liebsten wäre es ihm, wenn die Mountainbiker gesonderte Wege bekommen. Wie erreichen den Gießstein und diskutieren, ob solche Felsen abgesichert werden müssen. Die Meinung der Wegewarte ist eindeutig. Nein, man könne das gar nicht leisten. Hier solle man lieber auf die Vernunft der Wanderer vertrauen. Zum Schluss will ich noch wissen:

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Wie kann ich als Wanderer die Arbeit der Wegewarte unterstützen?

Am besten werden Sie Mitglied im Schwäbischen Albverein, denn über die Mitgliedsgebühren finanzieren wir die Wegearbeit. Nehmen Sie Rücksicht auf die Natur und bitte keinen Müll hinterlassen.
Wenn Ihnen auffällt, dass ein Weg nicht passierbar ist oder Kennzeichen fehlen, sind wir für Hinweise dankbar. Auf unserer Webseite haben wir für solche Belange einen virtuellen „Kummerkasten“ eingerichtet. Doch in erster Linie freuen wir uns, wenn Sie auf unseren schönen Wegen die Natur genießen.

Das Gespräch mit Gerard Stolz hat mir die Augen geöffnet. Unsere Wanderwege, die wir einfach so selbstverständlich nutzen,  werden nicht mit Steuergeldern finanziert, sondern meist mit viel ehrenamtlichen Engagement gepflegt und gekennzeichnet. Zum Abschied hat mir der Hauptwegewart eine Wegemarke mit dem HW 5-Emblem geschenkt: „Als Souvenir“, damit Sie keines abschrauben müssen.“ Das hat mich mächtig überrascht und sehr gefreut. Jetzt nehme ich es immer mit auf meinen Wanderungen – vielleicht fehlt ja mal ein Schild, dann kann ich es befestigen. Ich weiß ja jetzt, wie es geht.

 

Der Schwäbische Albverein ist mit über 90.000 Mitgliedern der größte Wanderverein Europas. Sitz des Hauptvereins ist Stuttgart, zudem gibt es 515 Ortsgruppen zwischen Main und Bodensee. Der Traditionsverein hat in den über 125 Jahren seines Bestehens eine beispiellose Infrastruktur an Wanderwegen aufgebaut. Das Wegenetz umfasst ca. 20.000 Kilometer. Für die Unterhaltung, Markierung und Beschilderung sorgen tausende ehrenamtlich engagierte Männer und Frauen.
2018 wurde eine einheitliche Beschilderung für das Gebiet des Albvereins geschaffen. Über die Beschilderung des Wegenetzes informiert der Albverein auf seiner Webseite. Dort findet sich auch der erwähnte Kummerkasten.
https://wege.albverein.net/

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