Rundfahrt mit Roswitha

Zwischen Mannheim, Heidelberg und Weinheim - wie eine Straßenbahnfahrerin die Linie 5 erlebt

Ich bin um zwölf mit Roswitha Koch im Betriebshof Käfertal verabredet. Schon von Weitem winkt sie mir zu. Ja, das ist sie. Mit der dunkelblauen Uniform und dem orange-weiß gestreiften Halstuch unverkennbar eine Fahrerin der Rhein-Neckar-Verkehr GmbH (rnv). Heute werde ich den Nachmittag mir ihr verbringen und die Linie 5 zwischen Mannheim, Weinheim und Heidelberg fahren.

Treffpunkt Mannheim-Käfertal

Ob ich eine Neue sei, wollen sie wissen. Ich lache und winke ab.

Wir gehen erst einmal ins Betriebsgebäude und sagen „Hallo“ zum Chef und zu den Kollegen. Im Flur fischt sie den Dienstplan aus dem Halter an der Wand. Minutiös sind die Fahrten aufgelistet: erst mit der 5A nach Heddesheim und zurück, dann die 5 nach Edingen, Pause und Wechsel des Fahrzeugs. Es folgt die 5er-Rundfahrt ab Edingen über Mannheim und Weinheim nach Heidelberg, und so weiter … Um 20.43 Uhr endet ihre Schicht.

Roswithas Chef bespricht sich gerade mit Kollegen im „Lokstüble“. Ob ich eine Neue sei, wollen sie wissen. Ich lache und winke ab: „Nein, ich möchte nur mal den Alltag einer Fahrerin miterleben und darüber berichten.“ Das finden sie gut. Im Pausenraum ist es ruhig. Ein Springer-Kollege wartet auf seinen Einsatz. Mir fällt die schwarze Wand mit dem orangenen Linien-Netzplan auf.

„Das große Dreieck rechts außen werden wir heute Nachmittag fahren“, erklärt mir Roswitha. . Insgesamt ist die Strecke 57 Kilometer lang und damit eine der längsten Straßenbahnlinien in Deutschland und in der Welt.

12.24 Uhr

Zum Dienstbeginn mit der 5A nach Heddesheim

Pünktlich um 12.24 Uhr übernimmt Roswitha auf Gleis 4 die Bahn vom Kollegen. „Keine besonderen Vorkommnisse“, Roswitha meldet sich als Fahrerin in der Leitstelle an und schon setzen wir uns in Bewegung. Hinter Wallstadt überquert die Straßenbahn die Autobahn A6. Danach fährt sie eine lang gezogene Linkskurve und nimmt Fahrt auf. Das letzte Stück sprintet sie durch die Rheinebene Richtung Osten auf die Hügel der Bergstraße zu. Abgeerntete Felder und die Reste einer Rübenverladestation fliegen vorbei.

Nach zwölf Minuten haben wir Heddesheim erreicht. Nicht viel los hier draußen. Roswitha macht noch schnell einen Kontrollgang und schaut, ob etwas oder jemand in den Wägen zurückgeblieben ist. Vor der Rückfahrt bleibt uns Zeit für einen kurzen Plausch mit der Kollegin, die gerade vorbeiwalkt. „Im Dunkeln sieht man von hier immer schön, wenn die BASF in Ludwigshafen ihren Steamcracker abfackelt“, erzählen sie mir.

13.16 Uhr

Von Käfertal durch Mannheim bis nach Edingen

Zurück in Käfertal bleiben wir im gleichen Fahrzeug sitzen, Zettel werden wieder ausgefüllt und die Anzeige umgeschaltet. Wir nähern wir uns der Innenstadt, fahren an der Bonifatiuskirche vorbei und überqueren den Neckar.

Vier Minuten später ist der Wasserturm in Sicht. Nächster Halt Hauptbahnhof. Ich entdecke zwei Polizisten an der Haltestelle. „Die kontrollieren die Maskenpflicht“, erklärt Rosie. Zwischen Hauptbahnhof und Universität macht die Strecke eine enge Kurve. Vor der hat sie einen Heidenrespekt: „Wenn man die zu schnell fährt, hüpft die Bahn aus der Spur.“ Rosie meistert den Abschnitt mit Bravour. Ich erhasche noch einen Blick auf das Mannheimer Schloss. Anschließend zuckeln wir im Schneckentempo durch die Innenstadt. Es ist Wochenmarkt und am Marktplatz steigen viele Passanten ein und aus. Roswitha muss sich konzentrieren … Sie atmet hörbar auf, als wir den OEG-Beach erreichen.

Vor uns liegt die ehemalige OEG-Strecke

Roswitha gibt Gas …

OEG: Die Oberrheinische Eisenbahn-Gesellschaft betrieb seit Ende des 19.
Jahrhunderts schmalspurige Eisenbahnstrecken zwischen Mannheim, Heidelberg und
Weinheim. Das Unternehmen verschmolz dann 2000 mit der Mannheimer Verkehrsgesellschaft,
welche wiederum 2005 in die rnv aufging. Aus dieser Historie haben sich die Besonderheiten
der Linie 5 entwickelt. Auf den Streckenabschnitten der OEG nimmt die Straßenbahn Tempo
auf. Bis zu 80 km/h sind möglich, denn hier gilt Eisenbahnbetriebsordnung (EBO). Die
Fahrerinnen und Fahrer haben eine zusätzliche Ausbildung und fahren auf Signal und nicht
auf Sicht.

Ja, und das, was heute eine Strandbar ist, war früher ein Bahnhof. OEG ist die Abkürzung für Oberrheinische Eisenbahngesellschaft. In der Innenstadt ist die Linie 5 eine normale Straßenbahnlinie, auf den Überlandabschnitten eine Eisenbahnstrecke. Exakt genommen eine Nebenbahn. Und weil Rosie beides fährt, ist sie nicht nur Straßenbahnfahrerin, sondern Triebfahrzeugführerin. „In der Stadt fahre ich auf Sicht, auf der ehemaligen OEG-Strecke nach Signal“, erklärt sie mir. „Schau dort ist das Hinweisschild, dass wir jetzt auf der OEG-Strecke sind.“
Roswitha gibt Gas. Bis zu 80 Stundenkilometer sind auf der OEG-Strecke erlaubt. Wir fahren am Fernmeldeturm vorbei, links fließt der Neckar, rechts säumen schöne Villen die Straße. Und sie wird nicht müde, mich auf jedes Vor- und Haltesignal aufmerksam zu machen: „HET steht für Hilfseinschalttaster und bei einer Automatik-HET halte ich auf der Kontaktschlaufe, schau und das zwischen den Gleisen ist eine Indusi, wenn ich zu schnell darüber fahre, werde ich zwangsgebremst, und das da ist ein Vorsignal.“ Ganz schön viel, was man so als Fahrerin zu beachten hat,  mir schwirrt der Kopf. An der Dualen Hochschule lachen wir dann über einen echten Schildbürgerstreich: Die Haltestelle ist barrierefrei, aber wie bitte sollen Menschen mit Behinderungen oder mit Kinderwagen diese Brücke meistern? Es gibt keinen Aufzug, nur steile Treppen.

Pausengespräch

„Bei der rnv anzufangen, war für mich die beste Entscheidung“

Unsere Fahrt endet erst einmal in Edingen. Zwanzig Minuten Pause sind jetzt vorgesehen. Auch hier grüßt im Aufenthaltsraum der Netzplan von der Wand. Ein paar Kollegen haben sich um den Fernseher versammelt, nebendran gibt es eine kleine Küche, einen Fitnessraum und einen Ruheraum.

Jetzt habe ich Gelegenheit, Rosie nach ihrem Lebensweg zu fragen. Sie stammt aus einer richtigen Eisenbahnerdynastie. Ihr Vater war Lokführer und ihr Bruder ist Lokführer. Und sie selbst interessiert sich auch schon früh für alles, was sich bewegt. Mit 17 wollte sie Busfahrerin werden, mit 21 bewarb sie sich dann für eine Ausbildung zur Straßenbahnfahrerin. Doch sie wurde nicht genommen und absolvierte erst einmal eine Lehre als Verkäuferin. Wie das Leben so spielt, hat sie dann in diesem Beruf 25 Jahre gearbeitet. „Aber an der Fleischtheke beim Tengelmann kriegst du von draußen nichts mit.“ Mit 43 Jahren bewirbt sie sich noch einmal bei der rnv. Im zweiten Anlauf klappt es mit der Stelle. Sie absolviert die Ausbildung zur Straßenbahnfahrerin für Mannheim und Ludwigshafen und macht fünf Jahre später noch eine zweimonatige Zusatzausbildung für die Linie 5. Den Jobwechsel hat sie nie bereut. Das Betriebsklima sei gut und „es gibt keinen Zickenkrieg wie im Verkauf“. Das allerbeste sei, dass sie jetzt etwas sieht von der Welt: „Ich mag die Natur, den Himmel und wie sich immer alles verändert, das macht mich einfach glücklich.“

EIN BESOnderes Hobby

Was Rosie häkelt, freut die Kollegen

Wir müssen wieder los. Eine neue Bahn steht bereit, dieses Mal ist es eine Bombardier. Rosie macht das Fahrzeug startklar. Die Bahn rollt los in Richtung Mannheim. Ein bisschen unterhalten wir uns noch übers Familienleben. Das „Eisenbahner-Gen“ hat sie auch an den Sohn vererbt, der als einer der ersten bei der rnv die Ausbildung zur Fachkraft im Fahrbetrieb gemacht hat. Und zwei Mal dürft ihr raten, wo ihr Lebensgefährte arbeitet? Klar, auch bei der rnv. Na, dann redet ihr zuhause wohl nur über Busse und Bahnen? Rosie lacht: „Ja, das stimmt, und ich häkle wahnsinnig gerne.“  Schwuppdiwupp zieht sie so etwas wie ´nen Eierwärmer aus der Tasche und stülpt ihn über den Sollwertgeber. Das ist der Hebel zum Bremsen und Gas geben. Was ist denn das? Nein, kein „Verhüterli“, den Überzieher hat sie speziell für einen Kollegen gehäkelt. Für ihn fühlt sich der Griff so besser an. Im Fahrerkreis hat sich Rosies Talent schnell rumgesprochen und inzwischen sind es an die 30 Stück, die sie produziert hat. Mal in blau-schwarz, den Farben des heimischen Fußballvereins, gerne auch in blau-weiß-rot für die Fans der Mannheimer Adler.

Kurzweilig ist es mit Roswitha im Cockpit. Wir sind schon wieder beim Fernmeldeturm angelangt. Ich bewundere die schöne Allee mit dem goldenen Herbstlaub. „Ja, das sieht schön aus, doch der Schienenzustand leidet“, wirft sie ein. „Blätter, Baumharz und Radabtrieb verunreinigen die Schienen und machen sie rutschig. Da ist dann oft das Schleiffahrzeug im Einsatz.“

Rundfahrt

Die Linie 5 fährt auch durch Hessen

Wir tauchen ein in die Quadrate: Marktplatz, Hauptbahnhof, Wasserturm, Neckarbrücke, Käfertal … die Strecke kenne ich inzwischen. Interessant wird es ab Käfertal, wo wir dieses Mal nicht rechts nach Heddesheim abbiegen, sondern geradeaus weiterfahren. Hinter Viernheim passieren wir die Landesgrenze nach Hessen, doch davon merkt man eigentlich nichts.

Die Leitstelle gibt durch, dass ein etwa 50-jähriger desorientierter Mann aus einer Heidelberger Klinik vermisst werde und man die Augen offen halten solle… Vor uns liegt jetzt Weinheim. Auf den Hügeln erkenne ich zwei Burgen. Ich erzähle Rosie, dass ich im Sommer das Schloss besichtigt habe und begeistert bin von der schönen Anlage und dem Staudengarten.

Unten am Bahnhof von Weinheim, sieht man nicht viel davon, doch es sind nur ein paar Meter zu Fuß. Und ein Ausflug lohnt allemal.

Gefahrenstellen

Die Angst fährt immer mit, dass sich einer auf die Schienen schmeißt

Roswitha ist jetzt seit zehn Jahren bei der rnv und froh, dass sie in dieser Zeit nur zwei kleinere unverschuldete Unfälle gehabt hat. Andere Kollegen träfe es wesentlich härter, erzählt sie mir. Doch sie gibt zu, dass auch bei ihr die Angst immer mitfahre, dass sich einer vor die Bahn auf die Schienen wirft.

Auch andere Gefahrenstellen gibt es entlang der Strecke. Zum Beispiel in Großsachsen. Die Ortsdurchfahrt hat sie am Anfang gefürchtet, weil die Bahn auf einer enger Straße gegen die Fahrtrichtung der Autos fährt. Inzwischen mache ihr das nichts mehr aus und sie habe sogar Spaß daran gefunden. Und in Schriesheim gibt es mitten im Ort eine Tankstelle, da biegen Autofahrer gerne nach links ab, ohne zu gucken. Das sei ebenfalls eine sehr unfallträchtige Stelle.

An der Bergstraße

Schöne Blicke aus dem Seitenfenster

Doch die Linie 5 wartet gerade entlang der Bergstraße auch mit wunderschöne Ausblicken auf. Schau mal nach rechts aus dem Fenster. Wenn es ganz klar ist, sind die Pfälzer Berge zum Greifen nah.

Im goldenen Nachmittagslicht steuern wir Heidelberg an und fahren über den Neckar.

Auch der Heidelberger Hauptbahnhof erstrahlt ganz golden und transparent. Doch für die Schönheit des Gebäudes hat Rosie jetzt wenig Zeit. Zum Feierabend ist hier ist viel los… Passanten steigen ein und aus… Was sie nervt, sind die, die im letzten Moment bei dunkelrot noch vorbeihuschen, um dann mal eben noch schnell in die Tram zu steigen: „Die Leute laufen, ohne zu gucken bei uns vorne rum und stehen dann an der Ampel vor den Autos stramm…“

Das Signal schaltet um, wir dürfen weiterfahren. Tschüss Heidelberg. Ich werfe noch  schnell einen Blick auf das „S-Printing-Horse“ vor der Akademie der Heidelberger Druckmaschinen.

Dadamm-dadamm

Roswithas Liebligsstück vor Edingen

Zum Schluss fahren wir noch Roswithas Lieblingsabschnitt: Volles Tempo zwischen Taubenfeld und Edingen. „Dadamm-dadamm, hörst du das? Hier hat es Schienenstöße wie bei der Eisenbahn!“ Vor uns liegt der Wasserturm von Edingen… wir reiten in den Sonnenuntergang. So schön kann Bahnfahren sein und ich verstehe, warum Rosie ihren Beruf so liebt.

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