Karlsruhe quer

Eine historische und architektonische Führung mit der Tram 5 durch die Stadt

Am Pfingstsamstag machte ich mich auf den Weg nach Karlsruhe. Der Karlsruher Verkehrsverbund KVV bot eine Führung mit der Linie 5 quer durch die Innenstadt an. Wie gemacht für mich. Schon die Anfahrt legte ich standesgemäß in der S5 zurück. Dummerweise hatte mal wieder ein IC Verspätung, so dass ich in Pforzheim erst später losfahren konnte, und statt einer halben Stunde zu früh traf ich jetzt gerade noch rechtzeitig am vereinbarten Treffpunkt bei der Kunsthandlung Hess ein.

Start im Osten Ecke Kronenstraße/Kaiserstraße
Stadtführer Georg Hertweck vom Verein stattreisen e.V. war schon mitten im Einführungsvortrag über die räumliche Entwicklung der Fächerstadt. Eine große Gruppe von mehr als 25 Teilnehmern scharrte sich um den Historiker. Gerade führte er aus, dass just hier zwischen Kronenstraße und Lange Straße die 1. Synagoge der Stadt stand, erbaut vom Karlsruher Architekten Friedrich Weinbrenner. Der Name wird uns an diesem Nachmittag noch öfters begegnen, hat der Stadtplaner und Baumeister doch Karlsruhe mit vielen klassizistischen Bauten und Entwürfen geprägt.

Hertweck war zufrieden: „Punkt 1 erledigt, jetzt fahren wir mit der 5 zum „Europaplatz“. Dummerweise hatten sich gerade an diesem Samstag Kampfhundeliebhaber dazu entschlossen, für die Rechte ihrer Vierbeiner zu demonstrieren. Alle Linien der Innenstadt waren blockiert. Zum Glück dauerte die Demo nicht lange, nach 20 Minuten tauchte die erste Tram 5 Richtung Rheinhafen auf. Unser Stadtführer entschied sich kurzerhand, die Führung von hinten aufzurollen und so fuhren wir erst einmal zehn Minuten stadtauswärts Richtung Westen.

Streckeninfo: Tramlinie 5 Karlsruhe

Apropos Tram, wäre ich früher gekommen, hätte ich die alte Holzklasse noch erlebt, in der Nacht zuvor absolvierte sie ihren letzten Tag. „Sie musste weichen, weil sie nicht mehr zeitgemäß und barrierefrei war“, klärten mich Teilnehmer der Führung auf.

Im Westen liegt der Rheinhafen
Rheinhafen heißt die Endstation an der wir aussteigen, doch auf dem Schild am Hafen steht „Rheinhäfen“. Was ist denn nun richtig? Hertweck erklärt, dass der Rheinhafen nur einer von mehreren Häfen ist, die vom gleichnamigen Geschäftsbereich des städtischen Versorgungsbetrieb KVVH GmbH betreut werden: 1. der 1901 eröffnete Rheinhafen; 2. der später erbaute Ölhafen, 3. der Pionierhafen und 4. der Hafen Maxau. Im Vergleich zu anderen Hafenanlagen in Deutschland waren und sind die Häfen in Karlsruhe eher bescheiden. Seine Blütezeit erlebte der Rheinhafen vor dem 1. Weltkrieg als hier viel Kohle verladen wurde. Der Kohleumschlag spielt auch heute noch die größte Rolle, wohingegen die Personenschifffahrt in Karlsruhe nie bedeutend war. Wir schauen uns um, ein paar Ruderer trainieren im Hafenbecken, rote Luftballons und ein geschmücktes Hochzeitsauto warten auf die Frischvermählten, ansonsten herrscht Ruhe im Hafen.

Dann kehrten wir dem Hafen wieder den Rücken zu und fuhren stadteinwärts bis zur Haltestelle Weinbrennerplatz. Zu Fuß geht es weiter, wir laufen die Gartenstraße entlang, am höchsten Hochhaus der Stadt (Deutsche Rentenversicherung) vorbei, und biegen rechts in die Lorenzstraße ein.

Von der Munitionsfabrik zur Kulturfabrik
Bis zum Zentrum für Kunst und Medientechnologie ZKM ist es jetzt nicht mehr weit. In den ehemaligen denkmalgeschützten Fabrikhallen befinden sich neben dem ZKM auch die Städtische Galerie Karlsruhe, die Staatliche Hochschule für Gestaltung und das Museum für Neue Kunst. Es ist ein riesiger und beeindruckender Komplex und das letzte Relikt einer Werksanlage, die einstmals die Größe eines Stadtviertels umfasste. Hertweck klärt uns über die Geschichte des Areals auf: „Hier war früher ein großer Rüstungsbetrieb der deutschen Waffen- und Munitionsfabrik DWM, angesiedelt. Er versorgte im 1. und 2. Weltkrieg Soldaten mit Waffen und Munition, im Dritten Reich arbeiteten hier auch zahlreiche Zwangsarbeiter – nach außen wurden Nähmaschinen produziert.“ Die Geschichte der Fabrik sei eng mit der Familie Quandt verwoben. 1949 firmierte man um in Industrie-Werke Karlsruhe AG und nutzte die Hallen für die zivile Produktion. Seit einer Standortverlagerung in den 70er Jahren lag das Gelände lange brach, bis es als Kreativstandort zu neuem Leben erweckt wurde. Wir können in einen der Lichthöfe des Hallenbaus und sind beeindruckt von den Ausmaßen und von der klaren Architektur.

Nachdem wir das Areal erkundet haben, fahren wir von der Haltestelle Lessingstraße weiter bis zur Haltestelle Otto-Sachs-Straße. Vor uns liegt jetzt die malerische Hirschbrücke. Sie war einst verkehrstechnisch sehr wichtig und wurde 1891 erbaut um die Gleise von drei Regionalbahnen zu überbrücken. Die gibt es längst nicht mehr, die Brücke führt jetzt über die Mathy- und die Jollystraße sowie die Straßenbahnschienen der Linien 2 und 5. Aber sie ist sehr malerisch und war schon oft Drehort für die Lena Odenthal-Tatorts aus Mannheim. Anschließend bestaunen wir an der Haltestelle „Konzerthaus“ den  10.000 Quadratmeter großen Festplatz, um den das Konzerthaus, die Stadthalle und die Schwarzwaldhalle angeordnet sind. Nebenbei erfahren wir, dass 1980 der Gründungsparteitag der Grünen in der Stadthalle abgehalten wurde.

Ettlinger Tor – Zukunftspläne
Unsere architektonisch geschichtliche Führung endet am Ettlinger Tor, Haltestelle Volkswohnung/Staatstheater.  Das Badische Staatstheater glänzt seit den 70er Jahren in Waschbetonoptik und mit guter Akustik. Jetzt gibt es Sanierungs- und Erweiterungspläne. Das Ettlinger Tor war einmal eines von sechs Karlsruher Stadttoren, das nach Plänen von Friedrich Weinbrenner erbaut wurde. Bereits 1872 wurde es wieder abgerissen, geblieben sind der Name und ein großes Einkaufszentrum.  Vor dem Einkaufszentrum befindet sich jetzt eine große Baustelle für die angestrebte Kombilösung – das Jahrhundertprojekt der Karlsruher Straßenbahn. Es hat zum Ziel, eine Fußgängerzone ohne Straßenbahn zu erhalten und die mehrspurige Kriegsstraße zu einem Boulevard mit Straßenbahntrasse umzugestalten. Ein Mammut-Projekt, das die Stadt noch mehrere Jahre Staus, Umleitungen und Baustellen bescheren wird.

Ich frage mich, wie Karlsruhe angesichts der vielen Baustellen, das im Jahr 2016 anstehende 300-jährige Stadtjubiläum meistern wird?

Zum Schluss habe ich noch ein bisschen Zeit; und nach so vielen Baustellen steht mir jetzt der Sinn nach etwas Romantik. Also schaue ich mir abschließend noch das Schloss und den Schlossgarten an.

 

 

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